Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, am gestrigen Fest Mariae Himmelfahrt war auch die Rede davon, dass Maria durch Gottes Gnade vor der Erbschuld bewahrt wurde. Das klingt vermutlich für viele Ohren wie eine Rede theologischer Fachleute, für andere klingt es nach einer veralteten Wortwahl oder Lehre. „Erbsünde“, wer spricht denn noch von so etwas?
Dieser Begriff beschreibt aber keineswegs etwas Abstraktes. Es geht um eine Wirklichkeit, die alle Menschen betrifft, die wir alle sehr konkret erfahren oder erleiden. Was ist gemeint? Wir sehen, dass die Welt und unser Leben so viel Gutes und Schönes enthält. Jeder hat Fähigkeit und Talente. Und der Schöpfer hat uns mit seiner Schöpfung Raum und Möglichkeiten zur Entfaltung gegeben. Gleichzeitig bemerken wir in unserem Herzen immer wieder auch eine Neigung zum Bösen. Da gibt es zum Beispiel Schadenfreude oder Neid. Wenn ein anderer Erfolg hat, dann freuen sich seine Nachbarn keineswegs immer mit ihm. Oft gibt es Neid und Missgunst. Manchmal gibt es das vielleicht auch in meinem Herzen. Oder eine andere Erfahrung: Negative Nachrichten stoßen auf vielmehr Aufmerksamkeit als positive. Davon leben Medien und „social media“. Und so bekräftigen sich Menschen oft gegenseitig im Jammern und Schimpfen über die „Zustände“, über die „Unfähigkeit“ der anderen, besonders der Verantwortungsträger…
Diese Neigung ist Folge der Erbsünde. Die gute Schöpfung Gottes ist verwundet. Und das birgt die Gefahr, dass Menschen dadurch blind werden für das Gute und Schöne in der Welt und in ihrem Leben.
Ein wenig könnte man den Eindruck gewinnen, dass es im Evangelium ähnlich ist. Jesus ist zwar frei von Erbsünde und persönlicher Sünde, aber irgendwie scheint er doch von den Erwartungen und Vorstellungen seines Volkes Israel geprägt zu sein. So misslingt zunächst das Gespräch mit der kanaanäischen Frau, also einer Ausländerin. Der tiefe Glaube dieser Frau wird nicht gewürdigt, er wird vielmehr auf die Probe gestellt. Vermutlich hätten sich viele an dieser Stelle abgewandt, wenn Jesus von Kindern und Hunden spricht… Aber der Glaube dieser Frau ist wahrhaft groß. So bleibt sie unbeirrt. Sie lässt nicht nach in ihrem Fürbittgebet für ihre kranke Tochter.
Das muss schließlich selbst Jesus anerkennen: „Frau, dein Glaube ist groß“. Und das ist eine wichtige Botschaft für uns, die bereits in der Ersten Lesung anklang. Im Buch Jesaja war die Rede davon, dass bei Gott alle angesehen und willkommen sind, die seinen Namen lieben und seinen Weisungen folgen, den Sabbat heiligen und die Gebote halten. Und das gilt für alle Menschen, egal wo sie herkommen oder wie sie aussehen oder in welche Kategorie, wir sie einordnen.
Jesus nimmt uns sozusagen als Lehrmeister mit. Wir dürfen uns nicht ständig auf das Negative fixieren, das Misslungene „aufpumpen“, das Böse verstärken… Das Licht des Glaubens und die Gnade der Taufe wollen uns aus dem Netz der Erbsünde herausführen, damit wir das viele Gute sehen, das oft klein oder verborgen geschieht, damit wir dankbar bleiben für die Zeichen der Güte Gottes. Wir sollen lernen, uns mit am Gelungenen zu freuen. Und beim allem, was misslingt oder was uns widrig ist, sollen wir helfen, dass es sich bessert, oder wenigstens beten anstatt zu jammern.
„Frau, dein Glaube ist groß“, mit diesen Worten lädt Jesus uns zu einem Perspektivwechsel ein. Das ist eine große Chance, wie der christliche Glaube tatsächlich die Welt verändern kann – beginnend in kleinen Schritten. Amen.
16.08.2026, Pfarrer Dr. Eugen Daigeler
